AuDHS verstehen

Autismus, ADHS und AuDHS verstehen

Verstehen. Annehmen. Stärken.

Ein digitales Handbuch über ADHS, Autismus und AuDHS: was sie bedeuten, wie sie sich innerlich anfühlen können und was im Alltag, in Beziehungen und im Umfeld wirklich entlastet.

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Cover des AuDHS-Handbuchs

Vorwort

Warum dieses Handbuch da ist

Dieses Handbuch soll Menschen helfen, Autismus, ADHS und AuDHS verständlich einzuordnen. Es richtet sich an Betroffene, Angehörige, Freundinnen und Freunde, Partnerinnen und Partner, Kolleginnen und Kollegen sowie an Menschen, die bei sich selbst einen Verdacht haben. Es ist bewusst so geschrieben, dass man es ohne Vorwissen lesen kann.

Viele Missverständnisse entstehen, weil neurodivergente Menschen von außen oft anders wirken, als es sich innerlich anfühlt. Jemand kann ruhig aussehen und innerlich völlig überreizt sein. Jemand kann intelligent sein und trotzdem an alltäglicher Organisation scheitern. Jemand kann Nähe wollen und trotzdem plötzlich Rückzug brauchen. Jemand kann scheinbar gut funktionieren und danach stunden- oder tagelang erschöpft sein.

Das Ziel dieses Handbuchs ist nicht, Menschen in Schubladen zu stecken. Es soll Sprache geben für Erfahrungen, die viele lange nicht erklären konnten. Es soll zeigen, welche Schwierigkeiten auftreten können, welche Stärken oft damit verbunden sind und wie ein Umfeld reagieren kann, ohne Druck, Schuldgefühle oder zusätzliche Überforderung zu erzeugen.

Grundgedanke: Neurodivergenz bedeutet nicht automatisch Krankheit, Schwäche oder Defekt. Sie kann mit echten Einschränkungen verbunden sein, aber sie ist auch eine andere Art, die Welt wahrzunehmen, Informationen zu verarbeiten und mit Anforderungen umzugehen.

Kapitel 1

Worum es in diesem Handbuch geht

Autismus, ADHS und AuDHS werden oft getrennt betrachtet. Für viele Menschen ist das hilfreich, weil jede dieser Erfahrungen eigene Merkmale, Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe hat. Gleichzeitig überschneiden sich die Themen: Reizverarbeitung, soziale Erschöpfung, emotionale Regulation, exekutive Funktionen, Masking und der Wunsch, endlich verstanden zu werden.

Dieses Handbuch behandelt die drei Themen deshalb einzeln und gemeinsam. Zuerst geht es um Autismus, dann um ADHS, danach um AuDHS als Kombination. Anschließend folgen eigene Kapitel über Masking, Alltag, Beziehungen, Angehörige, Diagnostik und praktische Hilfen.

Autismus

Anderes Wahrnehmen, soziale Kommunikation, Reizverarbeitung, Routinen, Detailfokus und intensive Interessen.

ADHS

Aufmerksamkeit, Impulse, innere Unruhe, Motivation, Organisation, Zeitgefühl und emotionale Steuerung.

AuDHS

Wenn Autismus und ADHS gleichzeitig vorhanden sind und sich Bedürfnisse ergänzen, überlagern oder widersprechen.

Kapitel 2

Grundbegriffe: Neurodivergenz, Diagnose und Spektrum

Neurodivergenz bedeutet: Ein Gehirn funktioniert in bestimmten Bereichen anders als das, was gesellschaftlich als typisch erwartet wird. Dazu können Autismus, ADHS, Dyslexie, Dyspraxie, Tourette und weitere Formen gehören. Der Begriff soll nicht verharmlosen, aber auch nicht abwerten. Er macht sichtbar, dass es mehr als eine normale Art gibt, zu denken, zu fühlen und zu handeln.

Bei Autismus und ADHS sprechen Fachleute von neuroentwicklungsbezogenen Bedingungen. Das heißt, die Merkmale beginnen nicht plötzlich im Erwachsenenalter, sondern hängen mit Entwicklung, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Reizverarbeitung und Selbststeuerung zusammen. Sie können sich im Laufe des Lebens anders zeigen, entstehen aber nicht einfach durch schlechte Erziehung oder mangelnden Willen.

Warum das Wort Spektrum wichtig ist

Autismus ist ein Spektrum. Das bedeutet nicht, dass manche Menschen nur ein bisschen autistisch sind und andere viel. Es bedeutet eher, dass Merkmale sehr unterschiedlich verteilt sein können. Eine Person kann sprachlich sehr stark sein, aber sensorisch extrem belastet. Eine andere Person braucht viel Unterstützung in Kommunikation und Alltag. Wieder eine andere funktioniert im Beruf, bricht aber privat zusammen.

Auch ADHS sieht nicht bei allen gleich aus. Manche Menschen sind sichtbar hyperaktiv, andere wirken ruhig und kämpfen eher mit innerer Unruhe, Aufschieben, Vergessen oder emotionaler Überforderung. Bei Erwachsenen kann ADHS ganz anders wirken als bei Kindern.

Warum Sichtbarkeit täuschen kann

Viele neurodivergente Schwierigkeiten sind unsichtbar. Außenstehende sehen das Ergebnis, aber nicht den Aufwand: die vorbereiteten Gesprächsskripte, die ständige Selbstkontrolle, die Erschöpfung nach sozialen Situationen oder die Kraft, die es kostet, trotz Überforderung freundlich und funktional zu wirken.

Kapitel 3

Autismus verstehen

Autistische Menschen können Schwierigkeiten mit Blickkontakt, Mimik, Gestik, Tonfall, indirekten Aussagen, Ironie, Smalltalk oder unausgesprochenen Regeln haben. Nicht, weil sie sich nicht bemühen, sondern weil soziale Kommunikation oft nicht intuitiv abläuft. Was andere automatisch lesen, muss bewusst analysiert werden.

Hinzu kommt häufig eine andere Reizverarbeitung. Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen, Menschenmengen oder visuelle Unruhe können sehr viel stärker wirken. Eine Situation, die für andere normal ist, kann für eine autistische Person körperlich und emotional überwältigend werden.

Typische mögliche Merkmale

  • Schwierigkeiten mit Smalltalk, indirekten Erwartungen oder unausgesprochenen sozialen Regeln.
  • Bedürfnis nach klarer Sprache, Vorhersehbarkeit und eindeutigen Absprachen.
  • Starkes Bedürfnis nach Routinen, Wiederholung oder festen Abläufen.
  • Stress bei spontanen Änderungen oder unklaren Situationen.
  • Intensive Interessen, tiefe Wissensgebiete oder sehr detailgenauer Fokus.
  • Reizempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Licht, Gerüchen, Kleidung, Berührung oder Menschenmengen.
  • Erschöpfung nach sozialen Situationen, auch wenn sie angenehm waren.

Wie es sich innerlich anfühlen kann

Viele autistische Menschen beschreiben das Gefühl, soziale Situationen ständig übersetzen zu müssen. Sie beobachten, vergleichen, analysieren und passen sich an. Dabei entsteht oft ein innerer Druck: Wie lange darf ich reden? Schaue ich genug in die Augen? War das ein Witz? Habe ich zu direkt geantwortet? Meint die Person, was sie sagt, oder etwas anderes?

Häufige Missverständnisse

Autistische Menschen haben nicht automatisch keine Empathie. Viele fühlen sehr stark, erkennen Signale aber anders oder wissen nicht sofort, wie sie reagieren sollen. Rückzug ist nicht automatisch Ablehnung, sondern oft Reizregulation und Selbstschutz. Direkte Sprache ist nicht automatisch Unhöflichkeit, sondern kann ein Bedürfnis nach Klarheit sein.

Autismus ist nicht nur eine Liste von Schwierigkeiten. Viele autistische Menschen haben Stärken wie Detailgenauigkeit, Ehrlichkeit, Loyalität, Mustererkennung, tiefes Fachwissen, hohe Konzentration auf Spezialinteressen, Gerechtigkeitssinn oder ungewöhnliche Problemlösewege.

Kapitel 4

ADHS verstehen

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Der Name führt leicht in die Irre, weil es nicht nur um zu wenig Aufmerksamkeit geht. Viele Menschen mit ADHS haben sehr viel Aufmerksamkeit, aber sie lässt sich nicht immer willentlich dorthin lenken, wo sie gerade gebraucht wird.

ADHS betrifft Aufmerksamkeit, Impulse, Motivation, Zeitgefühl, Organisation, Aktivitätsniveau und emotionale Regulation.

Die drei bekannten Kernbereiche

  • Unaufmerksamkeit: Ablenkbarkeit, Vergessen, Flüchtigkeitsfehler, Schwierigkeiten beim Dranbleiben, Probleme mit Planung und Abschluss.
  • Hyperaktivität: Bei Kindern oft körperliche Unruhe; bei Erwachsenen häufig innere Rastlosigkeit, Getriebensein, Gedankenrasen oder Bewegungsdrang.
  • Impulsivität: Unterbrechen, vorschnelles Antworten, spontane Käufe, emotionale Schnellreaktionen, Schwierigkeiten beim Abwarten.

ADHS ist nicht Faulheit

Ein Mensch mit ADHS kann wissen, was zu tun ist, es wollen, es planen und trotzdem nicht anfangen. Das ist für Außenstehende schwer zu verstehen. Oft wird daraus ein moralisches Urteil: faul, unreif, respektlos, undiszipliniert. Tatsächlich geht es häufig um exekutive Funktionen: Starten, Sortieren, Priorisieren, Dranbleiben, Zeit einschätzen, Reize filtern und Handlungen stoppen.

ADHS kann auch bedeuten, dass Motivation stark interesse-, druck- oder neuheitsabhängig ist. Eine Person kann sich stundenlang in ein spannendes Thema vertiefen und gleichzeitig an einer einfachen Rechnung, E-Mail oder Haushaltsaufgabe scheitern. Das ist kein Beweis gegen ADHS, sondern für viele Betroffene typisch.

Viele Menschen mit ADHS sind kreativ, spontan, begeisterungsfähig, ideenreich, krisenfest, humorvoll, schnell im Denken und gut darin, ungewöhnliche Verbindungen zu sehen. Eine Person kann kreativ und gleichzeitig überfordert sein.

Kapitel 5

AuDHS verstehen: Wenn Autismus und ADHS zusammenkommen

AuDHS ist ein alltagssprachlicher Begriff für Menschen, bei denen Autismus und ADHS gleichzeitig vorkommen. Fachlich werden die Diagnosen getrennt gestellt: Autismus und ADHS. Der Begriff AuDHS ist trotzdem hilfreich, weil er beschreibt, dass die Kombination mehr ist als die Summe zweier Listen.

Autistische und ADHS-bezogene Bedürfnisse können sich gegenseitig verstärken, überdecken oder widersprechen. Viele Betroffene beschreiben eine Art inneres Ziehen in zwei Richtungen. Der autistische Anteil braucht Ruhe, Ordnung, Routinen, Vorhersehbarkeit und klare Abläufe. Der ADHS-Anteil sucht Abwechslung, Neuheit, Bewegung, Stimulation und schnelle Wechsel. Beides ist echt.

Autistisches Bedürfnis

Routine, Planbarkeit, Reizarmut, Rückzug, Ordnung, Vorbereitung und klare Abläufe.

ADHS-Bedürfnis

Abwechslung, Neuheit, Bewegung, Stimulation, schnelle Wechsel und spontane Impulse.

Routinen können helfen und gleichzeitig schnell langweilig oder schwer aufrechtzuerhalten sein. Eine Person kann Reize suchen und danach schnell überreizt sein. Chaos kann entstehen, obwohl Chaos massiv stresst. Vorbereitung vor Gesprächen kann wichtig sein und trotzdem platzt etwas impulsiv heraus.

Ein Mensch mit AuDHS kann sich nach einem sehr ruhigen, strukturierten Leben sehnen und sich gleichzeitig darin gefangen fühlen. Er kann Menschen vermissen und nach einem Treffen völlig erschöpft sein. Er kann einen Plan brauchen und ihn im Moment des Handelns vergessen. Für Angehörige ist das manchmal schwer nachvollziehbar. Hilfreich ist, nicht nach Widersprüchen zu suchen, sondern nach Bedingungen.

Kapitel 6

Masking: Die unsichtbare Anpassungsleistung

Masking bedeutet, eigene neurodivergente Merkmale bewusst oder unbewusst zu verstecken, zu unterdrücken, zu überspielen oder durch gelernte Strategien zu kompensieren, um in einer Umgebung unauffälliger, akzeptierter oder sicherer zu wirken. Manchmal wird auch von Camouflaging, Tarnen, Kompensieren oder sozialer Anpassung gesprochen.

Masking ist nicht automatisch Lügen. Es ist oft eine Überlebensstrategie. Menschen maskieren, weil sie Ablehnung, Mobbing, Kritik, Jobverlust, Streit, Missverständnisse oder Beschämung vermeiden wollen. Kurzfristig kann Masking helfen, durch eine Situation zu kommen. Langfristig kann es sehr erschöpfen, Diagnosen verzögern, Selbstwahrnehmung stören und zu Burnout, Angst oder depressiven Symptomen beitragen.

Wie Masking aussehen kann

  • Nachahmen: Gestik, Mimik, Sätze, Humor oder Gesprächsmuster anderer kopieren.
  • Unterdrücken: Stimming, Bewegungsdrang, Reizreaktionen, direkte Antworten oder Rückzugsimpulse verstecken.
  • Skripting: Gespräche vorplanen, Standardantworten auswendig nutzen, soziale Abläufe üben.
  • Überkompensation: Überpünktlichkeit, Perfektionismus, extremes Kontrollieren, ständiges Entschuldigen.

Bei AuDHS kann Masking besonders komplex sein, weil mehrere Ebenen gleichzeitig versteckt werden: soziale Unsicherheit, sensorische Überlastung, autistisches Bedürfnis nach Routinen, ADHS-Chaos, impulsive Reaktionen, innere Unruhe, Zeitblindheit und der Wechsel zwischen Rückzug und Reizsuche.

Gesünderes Unmasking bedeutet nicht, überall jede Anpassung fallen zu lassen. Es bedeutet, schrittweise zu erkennen, welche Anpassungen notwendig, freiwillig, sicher oder schädlich sind. Manchmal ist eine Maske in bestimmten Umgebungen Schutz. Trotzdem sollte ein Mensch Orte haben, an denen weniger Maske nötig ist.

Kapitel 7

Reizverarbeitung, Overload, Meltdown und Shutdown

Reizverarbeitung ist ein zentrales Thema bei Autismus und häufig auch bei ADHS und AuDHS. Reize sind nicht nur Geräusche oder Licht. Auch soziale Erwartungen, Multitasking, Zeitdruck, Nachrichten, Gerüche, Kleidung, Temperatur, Hunger, Schmerzen und innere Gedanken können Reize sein.

Overload

Overload bedeutet Überlastung. Die Person kann nicht mehr gut filtern, sortieren, entscheiden oder regulieren. Sie wirkt vielleicht gereizt, abwesend, panisch, starr, ungeduldig oder plötzlich sehr still. In dieser Phase helfen keine langen Diskussionen. Zuerst muss Belastung reduziert werden.

Meltdown

Ein Meltdown ist keine normale Wut und kein absichtlicher Streit. Es ist eher ein Kontrollverlust durch Überlastung. Er kann sich durch Weinen, Schreien, Weglaufen, Verzweiflung, starke körperliche Unruhe oder intensive Emotionen zeigen.

Shutdown

Ein Shutdown ist eher ein inneres Herunterfahren. Die Person wird still, antwortet kaum, bewegt sich weniger, wirkt abwesend oder eingefroren. Außen sieht es manchmal aus wie Ignorieren oder Trotz. Innerlich kann es sich anfühlen wie: Ich kann gerade nicht sprechen, nicht entscheiden, nicht reagieren.

Hilfreich sind Reize senken, leiser sprechen, Pausen, klare kurze Sätze und Rückzug. Weniger hilfreich sind Diskussionen, Vorwürfe, Berührung ohne Zustimmung, Filmen, Bloßstellen oder lange Fragenketten.

Kapitel 8

Exekutive Funktionen: Wenn Wollen nicht automatisch Können bedeutet

Exekutive Funktionen sind mentale Steuerungsfähigkeiten. Dazu gehören Planen, Starten, Priorisieren, Dranbleiben, Wechseln, Impulse hemmen und Informationen im Arbeitsgedächtnis halten. Bei ADHS, Autismus und AuDHS können diese Funktionen stark beansprucht oder erschwert sein.

Typisch sind Startprobleme, Wechselprobleme, Prioritätsprobleme, Zeitblindheit, Arbeitsgedächtnisprobleme und Schwierigkeiten mit Impulssteuerung. Eine Person kann wissen, was sinnvoll wäre, und trotzdem nicht ins Handeln kommen.

Warum Druck oft nicht hilft

Druck kann kurzfristig aktivieren, aber langfristig zerstört er Sicherheit. Viele Betroffene funktionieren jahrelang über Angst, Scham und Fristen. Das sieht von außen wie Lösung aus, führt aber oft zu Erschöpfung. Hilfreicher ist ein System, das Starten erleichtert, Aufgaben sichtbar macht und Scham reduziert.

Praktische Hilfen

  • Aufgaben in den kleinsten nächsten Schritt teilen.
  • Visuelle Listen statt nur Gedanken im Kopf.
  • Feste Orte für Schlüssel, Geldbeutel, Medikamente, Kopfhörer und wichtige Dokumente.
  • Timer, Erinnerungen und Wecker mit konkreter Handlung.
  • Reibung senken und Perfektion reduzieren.

Kapitel 9

Kommunikation und Beziehungen

Beziehungen können für neurodivergente Menschen besonders wertvoll und gleichzeitig besonders anstrengend sein. Viele Konflikte entstehen nicht aus fehlender Liebe oder fehlendem Respekt, sondern aus unterschiedlichen Kommunikationssystemen. Was für eine Person klar ist, ist für die andere indirekt. Was als Rückzug gemeint ist, wird als Ablehnung gelesen. Was als direkte Information gemeint ist, wird als Angriff verstanden.

Grundprinzipien für klare Kommunikation

  • Sage konkret, was du meinst, statt Andeutungen zu machen.
  • Trenne Beobachtung, Gefühl und Bitte.
  • Frage nach, bevor du Absicht unterstellst.
  • Kläre, ob gerade Lösung, Trost, Ruhe oder praktische Hilfe gewünscht ist.
  • Halte wichtige Absprachen schriftlich fest.
  • Sprich Konflikte nicht im Overload aus, sondern nach einer Pause.

Rückzug bedeutet nicht automatisch: Ich bin wütend, ich lehne dich ab oder du bist mir egal. Häufig bedeutet es: Ich muss mein System regulieren, damit ich später wieder ansprechbar bin.

Kapitel 10

Was Angehörige, Freunde und Partner tun können

Glaube der Person ihre Belastung, auch wenn du sie nicht siehst. Unterscheide Erklärung und Entschuldigung: Eine Ursache erklärt Verhalten, aber respektvolle Lösungen bleiben wichtig. Frage nach konkreter Unterstützung statt allgemeinem Druck. Nimm Rückzug, Reizüberflutung und Erschöpfung ernst.

Bei Autismus unterstützen

Veränderungen früh ankündigen und möglichst konkret erklären. Nicht zu Blickkontakt oder Smalltalk zwingen. Klare, direkte und freundliche Sprache nutzen. Reizquellen reduzieren: Lautstärke, Licht, Gerüche, Menschenmenge, Berührung. Routinen respektieren, statt sie als Sturheit abzuwerten.

Bei ADHS unterstützen

Aufgaben gemeinsam in kleine Schritte teilen. Erinnerungen absprechen, ohne sie als Kontrolle einzusetzen. Fristen, Termine und Absprachen schriftlich festhalten. Startunterstützung anbieten: Ich sitze daneben, während du anfängst. Nicht jedes Vergessen als Desinteresse deuten.

Bei AuDHS unterstützen

Struktur anbieten, aber nicht starr erzwingen. Routinen mit Wahlmöglichkeiten kombinieren. Reizpausen einplanen, auch wenn die Person vorher motiviert war. Widersprüchliche Bedürfnisse nicht als Unlogik abwerten.

Unterstützung bedeutet nicht, verletzendes Verhalten zu akzeptieren. Ein guter Satz kann sein: Ich sehe, dass du überfordert bist. Ich möchte helfen. Gleichzeitig möchte ich nicht angeschrien werden. Wir machen jetzt Pause und sprechen später weiter.

Kapitel 11

Schule, Arbeit und Alltag

Viele neurodivergente Schwierigkeiten werden erst dann sichtbar, wenn Anforderungen steigen: mehr Eigenorganisation, mehrere Fächer oder Projekte, Teamkommunikation, Lärm, Fristen, soziale Erwartungen, unklare Aufgaben und ständige Unterbrechungen. Unterstützung sollte nicht erst beginnen, wenn alles zusammenbricht.

Hilfreiche Rahmenbedingungen sind klare Aufgaben, schriftliche Ziele, Prioritäten, realistische Puffer, sichtbare Deadlines, ruhige Arbeitsplätze, Kopfhörer, Pausen, weniger Unterbrechungen, direkte Kommunikation, konkrete Rückmeldungen, Agenden, klare Rollen und die Möglichkeit zu schriftlichen Beiträgen.

Viele Betroffene leisten viel, bis es nicht mehr geht. Sie wirken kompetent, weil sie mit enormem Aufwand kompensieren. Deshalb sollte Unterstützung nicht nur danach beurteilt werden, ob eine Person die Aufgabe irgendwie schafft, sondern auch danach, was es sie kostet. Eine gesunde Lösung ist nicht nur erfolgreich, sondern auch wiederholbar und bezahlbar für das Nervensystem.

Kapitel 12

Verdacht, Diagnostik und Selbstverständnis

Ein Verdacht darf ernst genommen werden, auch wenn noch keine Diagnose vorliegt. Gleichzeitig ersetzt Selbstbeobachtung keine fachliche Abklärung. Sinnvoll ist, Muster über die Lebensspanne zu betrachten: nicht nur Stärken oder nur Krisen, sondern wiederkehrende Schwierigkeiten, Kompensationsstrategien und Unterstützungsbedarfe.

Für ADHS gibt es keinen einzelnen Test, der allein entscheidet. Fachpersonen betrachten Symptome, Dauer, Beginn, Lebensbereiche, Leidensdruck und mögliche andere Ursachen. Bei Autismus ist ebenfalls eine umfassende Betrachtung wichtig: Entwicklungsgeschichte, soziale Kommunikation, Reizverarbeitung, Routinen, Interessen, Beobachtungen und Selbstbericht.

Bei AuDHS ist besondere Sorgfalt wichtig, weil sich Autismus und ADHS gegenseitig verdecken können. Eine Diagnose ist kein Makel. Sie kann ein Werkzeug sein: für Selbstverständnis, passende Therapie, Nachteilsausgleiche, bessere Kommunikation und realistischere Erwartungen.

Kapitel 13

Selbsthilfe: Mehr Alltagssicherheit

Selbsthilfe bedeutet nicht, alles allein schaffen zu müssen. Es bedeutet, die eigenen Muster kennenzulernen und Hilfen so zu gestalten, dass sie wirklich zum eigenen Nervensystem passen. Gute Strategien sind nicht die, die auf Papier perfekt aussehen, sondern die, die in müden, gestressten, echten Tagen noch funktionieren.

Viele neurodivergente Menschen planen Termine nach verfügbarer Zeit, aber nicht nach verfügbarer Energie. Ein Kalender kann leer wirken und trotzdem überfordernd sein, wenn ein Termin viele Reize, soziale Erwartungen oder Übergänge enthält. Energieplanung fragt: Was kostet mich dieser Termin? Was brauche ich davor und danach?

Für manche Situationen hilft ein kurzer vorbereiteter Text: Ich bin gerade überreizt und kann nicht gut sprechen. Ich brauche zehn Minuten Ruhe. Es liegt nicht an dir. Bitte stell mir gerade nur Ja/Nein-Fragen oder schreib mir kurz.

Kapitel 14

Glossar

ADHS: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Betrifft Aufmerksamkeit, Impulsivität, Aktivitätsniveau, Selbststeuerung, Zeitgefühl und Organisation.

Autismus: Neuroentwicklungsbezogene Form des Wahrnehmens und Verarbeitens, häufig mit Besonderheiten in sozialer Kommunikation, Reizverarbeitung, Routinen und Interessen.

AuDHS: Alltagssprachlicher Begriff für das gemeinsame Auftreten von Autismus und ADHS.

Exekutive Funktionen: Mentale Steuerungsfähigkeiten wie Planen, Starten, Priorisieren, Dranbleiben, Wechseln und Impulse hemmen.

Hyperfokus: Starkes Versinken in eine interessante Aufgabe oder ein Thema, oft mit vermindertem Gefühl für Zeit, Körperbedürfnisse oder Umgebung.

Masking: Bewusstes oder unbewusstes Verbergen, Unterdrücken oder Kompensieren neurodivergenter Merkmale.

Meltdown: Überlastungsreaktion mit sichtbarem Kontrollverlust.

Shutdown: Überlastungsreaktion mit Rückzug, Erstarren, wenig Sprache oder innerem Herunterfahren.

Stimming: Selbstregulierende Bewegungen, Geräusche oder Handlungen, zum Beispiel Wippen, Tippen, Drehen, Summen oder Reiben.

Zeitblindheit: Schwierigkeit, Zeitdauer, Übergänge, Fristen und Losgehzeiten zuverlässig einzuschätzen.

Hinweis

Quellen und Einordnung

Diese Website ist Aufklärung und ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder diagnostische Beratung. Wer Autismus, ADHS oder beides bei sich vermutet, sollte sich an fachkundige Stellen wenden. Gleichzeitig darf ein Verdacht ernst genommen werden: Er kann ein erster Schritt sein, eigene Erfahrungen besser zu verstehen.